Klett Themenheft, S. 32-35

S. 33, A5: “Der Kult der Kurzfristigkeit wirkt toxisch” (S. 33, Z. 81 f.) zum Artikel “Kult der Kurzfristigkeit”

Dies bezieht sich zum einen auf das stetige Entstehen von Empörung, die gegenüber vielen gesellschaftlichen Ideen entsteht, weshalb bei keinem Thema eine vollständige und abschließende Umsetzung gelingt. Stattdessen ist schon ein neuer Aspekt in der — hitzigen — Diskussion. Daraus resultiert zum anderen, dass z. B. für die Entwicklung der Gesellschaft und den Schutz von Natur und Lebensgrundlagen kein ausreichender Zeitraum bleibt. Diese wesentlichen Aspekte erreichen daher nicht das nötige Interesse, weil eher Unwesentliches im Vordergrund steht. (Es entsteht also eine Toxizität für die Zukunft.)

S. 34, A8: Zusammenhang zwischen der “Empörungsdemokratie” einerseits und der zunehmenden sprachlichen Sensibilisierung andererseits

  • Hypersensibilität, was Sprache angeht, als Reaktion auf “Vergiftung des Diskurses” (Z. 106 f.)
  • Die Ursache für die negative Wechselwirkung zwischen “Political Correctness” bzw. “Wokeness” und den zunehmenden Äußerungen von Empörung liege laut Pörksen daran, dass auf jegliche Forderung nach ethisch-moralischem Handeln eine negative Reaktion wegen des Gefühls des Angegriffen-Werdens folgt.
  • Vgl. SZ-Artikel zu “Wokeness” (als PDF zugeschickt), in dem folgende These vertreten wird:
    • Die Bürger reagieren gereizt auf Vorwürfe wegen ihrer Lebensgestaltung (z. B. Fleischkonsum, Urlaubsflüge). Sinnvoller wäre es, gegen die Ursachen auf politischer Ebene vorzugehen, z. B. durch entsprechende Vorschriften in der Landwirtschaft (z. B. gegen Überdüngung, Massentierhaltung …)

Übung zur argumentationsstruktur anhand des Textes von Piorkowski:

  1. Erarbeiten Sie den inhaltlichen und argumentativen Aufbau (z. B. Mind Map, Sinnabschnitte
  2. Was ist die Intention des Autors?
  3. Nehmen Sie Stellung zu der Aussage Piorkowskis, dass “das Bestehen auf respektvolle und herrschaftsfreie Sprache keine reine Symbolpolitik” sei (Z. 108 ff.). Berücksichtigen Sie dabei auch die These, dass eben diese Art des Sprechens die “Empörungsdemokratie” befeuere (Z. 102 ff.).

1. Argumentationsstruktur

  • Z. 1-10:
    • Behauptung / These: Man muss sich zur Zeit um einige Themen beim Denken sehr anstrengen
    • Beispiele: u. a. digitaler Wandel, Infragestellung des demokratischen Projekts
    • Begründung: überwältigende Themen, komplexe Welt
  • Z. 11-23:
    • Aufwerfen von rhetorischen Fragen bezüglich des Kommunikationsverhaltens in der modernen Gesellschaft
    • Hinleitung zu im folgenden wiedergegebenen beispielhaften Antworten von Wissenschaftler*innen und Philosoph*innen zu diesen Fragen
  • Z. 24-34, Marie-Luisa Frick:
    • These: entspanntes Umgehen mit von der eigenen abweichenden Meinungen
    • Begründung: In der Demokratie müssen unterschiedlichen Meinungen existieren und deshalb auch keinen umfassenden Konsens zu allen Fragen geben
    • Autoritätsargument: Bezug auf Philosophin Chantal Mouffe (Marie-Luisa Frick ist selbst auch Philosophin)
  • Z. 35-45:
    • Gegenthese / Einwand zu Marie-Luisa Frick: Es wird sehr wohl ein Konsens benötigt, allerdings auf sehr niedriger Ebene: Wie diskutiert wird und “[b]estimmte zivilisatorische Standards” (Z. 44) dürfe nicht zur Debatte stehen.
    • Begründung: Nur dann können streitende Parteien sich respektieren (was ja Marie-Luisa Frick verlangt)
    • Verstärkung des Arguments: Schon einmal hat sich die Demokratie selbst abgeschafft
  • Z. 46-56:
    • Unterstützend zu der vorigen These zitiert Piorkowski nun den Wissenschaftler Bernhard Pörksen (auch als zweites Beispiel der stark unterschiedlichen Antworten von Wissenschaftlern und Philosophen)
    • These: Manche Meinungen sind wegen Verletzung der Grundlagen nicht akzeptabel
    • Beispiel: Gaulands Bezeichnung der “Nazidiktatur ‘als Vogelschiss’ in 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte”
  • Z. 56-59:
    • Pörksen als Überleitung zum Thema “Kommunikation im digitalen Zeitalter”
  • Z. 60-77, Pörksen:
    • These: Empörungsdemokratie aufgrund von Möglichkeit eines jeden, seine Meinung in großer Öffentlichkeit verlauten zu lassen
    • Einwand: Medien nicht mehr als Gatekeeper
    • Aber / Begründung der These: Medien auch nicht mehr als Sortierer, statt freierer Meinungsäußerung kommt es zu mehr Des- (absichtlich) und Misinformation (unabsichtlich) sowie “Echokammern”
    • Folge: Aufreger sind wichtiger als tatsächlich wichtige Nachrichten, da Aufregung mehr Aufmerksamkeit und Profit erzeugt
  • Z. 78-89:
    • Pörksens These: Die Gesellschaft muss digitale Ethik lernen
    • Begründung: Nur so wird die Mündigkeit und Informationsfreiheit beibehalten und zugleich gewährleistet, dass der Diskurs wieder auf sachlicherer Ebene stattfinden kann
    • Wie?: “Bildunsoffensive und das Einüben von Medien- und Quellenkompetenz”
  • Z. 90-98:
    • Kommentar des Autors in Bezug auf Pörksen
    • Zustimmung mit Rückbezug auf “agonistische Demokratie”, wobei er die Möglichkeit dieser aufgrund des verbreiteten Hasses im Diskurs anzweifelt
  • Z. 99-107:
    • Aufwerfen einer weiteren rhetorischen Frage: Wieso sind Hypersensibilisierung, was die Sprache angeht, und zunehmende Hassrede zwei zur gleichen Zeit auftretende Phänomene?
    • Erneut Pörksen: übertriebene Political Correctness als Reaktion auf “Vergiftung des Diskurses”
  • Z. 108-119:
    • These (diesmal vom Autor, Robert Pfaller widersprechend): Auf “respektvolle und herrschaftsfreie Sprache” zu achten ist weiterhin wichtig
    • Begründung: “gewaltförmiges Potenzial der Sprache”, das denjenigen, die unter Diskriminierung leiden, sehr wohl bewusst ist. Deshalb: Rücksicht auf sie. (Beispiel eines “weiße[n] Philosophieprofessor[s]”)
  • Z. 120-124:
    • These von Robert Pfaller: “Erwachsenensprache” sollte “mit Ambivalenzen spiel[en] und sich gegen die aktuellen ‘Empfindlichkeiten’ zur Wehr setz[en]”
  • Z. 124-128:
    • Gegenthese vom Autor: Empathie, Kontext, keine Dogmen und Respekt als Grundsätze für erwachsene Sprache

2. Intention des Autors

  • Probleme der Empörungsdemokratie und sprachlichen Hypersensibilierung
  • Als Lösung schlägt er eine Abwendung von der Verallgemeinerung der angewandten Sprache vor und stellt fest, dass gegenseitiger Respekt sowie Sich-Einlassen auf verschiedene sprachliche Situationen und Menschen vor.
  • Aufruf zu Respekt / Betonen der Notwendigkeit von Respekt
    • sowohl von Angesicht zu Angesicht als auch in den sozialen Netzwerken
  • (weitere Intention: Kritik an u. a. Marie-Luisa Fricks These, dass man jede Meinung akzeptieren solle)
  • (weitere Intention: Rhetorische Fragen vor allem zu Beginn mit Bezug auf die Filterblasen regen den am aktuellen Geschehen teilnehmenden Leser zum Nachdenken an)

3. stellungnahme

  • Piorkowskis Begründung:
    • “Nur jemand, der selbst keine Diskriminierung erfährt, kann das gewaltförmige Potenzial der Sprache als unbedeutend erachten”
  • Zwar geht von Sprache keine direkte physische Verletzungsgefahr aus, aber
    • starke psychische Auswirkungen durch Mobbing, Beschimpfungen
    • Aufrufe wie z. B. der von Donald Trump zum Sturm des Kapitols können sehr wohl in physischer Gewalt enden
  • Respekt muss in einer Demokratie zwischen Parteien herrschen
    • Empörungsdemokratie nimmt den Respekt weg
  • “Cancel-Culture”
  • Piorkowski geht allerdings nicht weiter auf die Hypersensibilisierung ein, welche durchaus als Problem zu betrachten ist
    • dies liegt u. a. an ihren Vertretern, die mit ihrer oft belehrenden Art von oben herab andere richtigstellen wollen anstatt, was Pfaller suggeriert, tatsächliche Probleme zu lösen
      • anstatt für Aufklärung zu sorgen, wird jeder verurteilt, der bestimmte Worte in den Mund nimmt
      • Respekt und Kontext wird ignoriert und Schlüsse gezogen, man selbst stellt sich moralisch über die anderen
  • Überkorrektheit nimmt in vielen Bereichen des Lebens Spaß aus dem Geschehen
    • ob aber tatsächlich das korrekte Sprechen das Problem ist, ist die Frage. Ist es nicht viel mehr das Gefühl, dass einem etwas verboten wird, gegen das sich gestellt wird?