Deutung zu Kafkas Parabel “Vor dem Gesetz”
- Der Eingang steht für eine individuelle Möglichkeit (die man leicht ergreifen kann), der Türhüter für diesbezügliche negative Gedanken bzw. Zweifel. Die weiteren mächtigeren Türhüter stehen entsprechend für sich steigernde Skepsis und Unsicherheit des Selbst. Erst am Schluss bemerkt man, wie einfach es gewesen wäre.
- Passivität und Akzeptieren der Umstände verhindern, zu Zielen zu gelangen
- (einfach versuchen, vorbeizukommen)
- wenn man es nicht versucht, hat man schon verloren, und wenn es nicht klappt, dann ist es halt fehlgeschlagen, ist auch nicht schlimm
- man weiß ja gar nicht, ob es die anderen Türhüter tatsächlich gibt
- Man soll sich nicht unbedingt auf die Vorschriften und Ratschläge anderer verlassen, sondern selbst Wege suchen. Auch Rückschläge können einen weiterbringen.
- Der Türhüter ist Teil eines Systems, das absichtlich die Illusion erweckt, man könne etwas erreichen. Er könnte die Türe für den Landmann ja schließen, um die Unmöglichkeit des Eintritts deutlich zu machen. Er lässt sie aber offen, um die Illusion / Hoffnung eines Zugangs zum Gesetz (möglicherweise ein Symbol für etwas anderes) aufrechtzuerhalten. Es geht um die psychische Kontrolle, um den Landmann festzuhalten, sodass er sich keine anderen Möglichkeiten sucht.
- Die “anderen Wächter” (deren Existenz er behauptet) auch, damit er keine Möglichkeiten sucht, am ersten vorbeizukommen
- Psychische Kontrolle mit großem Aufwand (Türhüter nur für diese Person für sehr lange Zeit)
Deutung zu Kafkas Parabel “Kleine Fabel”
- Sie symbolisiert den Lauf des Lebens: Egal, was man tut, die Möglichkeiten werden weniger (z. B. körperliche Einschränkungen im Alter) und es geht unweigerlich auf den Tod zu.
- Wenn man nur ein Ziel verfolgt, droht die Gefahr, andere Möglichkeiten aus dem Blick zu verlieren und sich selbst übermäßig zu begrenzen.
- Eine Vielzahl an Möglichkeiten (z. B. Ausbildungen / Studiengänge in moderner Gesellschaft) kann zu Überforderung führen, weshalb eine gewisse Begrenzung hilfreich ist. Allerdings muss man den richtigen Zeitpunkt erkennen, bevor man sich zu sehr einschränken lässt.
- Nicht-zufrieden-Sein, wenn es passt, und weiterlaufen (immer höher, besser, weiter, mehr wollen)
Deutung zu Ilse Aichingers Parabel “Seegeister”
- Das Boot könnte z. B. für Depression stehen, denn man bleibt gefangen in seiner Welt. Zwar nimmt man die Außenwelt noch wahr, reagiert aber kaum auf sie und lehnt auch Hilfsangebote ab. Dazu passt, dass alles (Benzin, Wasser, Sand, Luft im Text) Treibstoff werden kann (bei Depressionen wird häufig alles schlecht interpretiert).
- auch Drogen, wegen Abhängigkeit und Suchtverhalten, also Nicht-mehr-rauskommen
- “Musterlösungen” vom bayerischen Ministerium
- Leben in einer Scheinwelt
- zunehmender Selbstverlust
- Anklang an das religiöse Motiv der Bestrafung durch ewige Ruhelosigkeit
- Das Mädchen als Nixenmotiv, erotisches Motiv (Kusshand, sie kann durch die von ihm aufgeworfenen Wellen schwimmen, “Verführung”)
- Leben in einer Scheinwelt
Zu Aufgabe b: “Erläutern Sie auf der Grundlage Ihrer Ergebnisse, in welcher Weise parabolisches Erzählen Zugänge zum Verständnis der Welt eröffnen kann!”
Parabolisches Erzählen
- regt die Leserin bzw. den Leser zum Denken an, wodurch die mögliche Deutung durch diesen stärker durchdacht wird bzw. haften bleibt als eine vorformulierte Aussage (z. B. eine Lebensweisheit, ein Ratschlag, die Moraldidaxe (Didaktik = die Lehre vom Lehren) einer Fabel)
- Des Weiteren bewirkt eine gewisse Deutungsoffenheit, dass Leserin bzw. Leser je nach ihrer Sozialisation, ihrem Umfeld un ihrem Wesen eine individuelle Deutung vornehmen können, die für sie interessant oder möglicherweise sogar hilfreich ist.